Symbiose aus sehen, erleben und anfassen

"Living History" im Odenwälder Freilandmuseum Szenen aus dem Alltagsleben des 18. Jahrhunderts standen auf dem Programm

Geschichte bietet weit mehr als trockene Tabellen und farblose Federzeichnungen in dicken Büchern oder angestaubte Lehrfilme. Das bewies im Odenwälder Freilandmuseum von Donnerstag bis Sonntag das bunte Programm des verlängerten Themenwochenendes "Living History", in dessen Fokus dieses Mal das Markt- und Dorftreiben im 18. Jahrhundert gerückt wurde.

 

Interessante Schmuckstücke

Als interessante Schmuckstücke erwiesen sich die zahlreichen Exponate über die Württemberger Wildjäger um 1750. Die aus dem Schwäbischen angereiste "Interessenvereinigung zur Barockjagd des 18. Jahrhunderts" präsentierte nicht nur antike Waffen, Geweihe, Jagdwappen und ausgestopfte Tiere, sondern auch Jagdabzeichen und die typischen Trachten der tapferen Waidmänner in "grauer Vorzeit".
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Dabei unterhielt Erhard Weinland das Publikum mit mancher alten Sage oder auch Erklärungen: "Die für den Iltis gleichermaßen geläufige Bezeichnung 'Frettchen' rührt daher, dass das vom Jäger abgerichtete Tierchen gezähmt und dazu abgerichtet wird, Kaninchen im Bau aufzuspüren und herauszutreiben", schilderte er.

Mit viel Fingerspitzengefühl und Liebe könne das zur Familie der Marderartigen gehörende Pelztier sogar als Haustier gehalten werden: "Hat sich der Iltis an den Jäger gewöhnt und muss keinen Hunger mehr leiden, ist er beinahe wie ein kleiner Hund", betonte Weinland. Damals seien die Jäger vom Hochadel nicht nur aufgrund der Sicherung des biologischen Gleichgewichts überaus angesehen gewesen - ihr Treiben war weit vor dem Aufkommen von Fernsehen und Radio ein Garant für beste Unterhaltung.

Publikumsmagnet

Ein absoluter Publikumsmagnet war neben dem Markt mit der Kräuterfrau als "Apotheke von anno dazumal", des auf Schönheit und Sauberkeit bedachten Barbier-Chirurgen oder des Schmiede- und Eisenwarenhändlers vor allem die Live-Demonstration des typischen Alltags historischer Handwerksberufe.

Die Büchsenmacher präsentierten sich unweit rühriger Damen, denen man beim Nähen, Klöppeln oder beim Stricken über die Schulter schauen konnte. Die oberen Zehntausend trugen edle Handschuhe, während das gemeine Volk sich seinerzeit mit Stulpen zu begnügen hatte.

Historische Schreibutensilien

Natürlich wartete auch der Zuckerbäcker, der zur Kaffeetafel im Stil des 18. Jahrhundert - natürlich inklusive dem Gugelhupf auf "Zwiebelmuster"-Tellern - einlud; wer jedoch ein herzhaftes Essen einer süßen Versuchung bevorzugte, der konnte in die im "Bofsheimer Haus" untergebrachte Rauchküche gehen und sich gleichermaßen über die rasche Entwicklung von Küchengeräten informieren. Als Gegenpol durfte man ebenso zur Feder greifen und sich im Umgang mit historischen Schreibutensilien üben.

Weiterhin konnten die Besucher nach dem Motto "Schlag' dir dein eigenes Seil" in das nahezu ausgestorbene Seiler-Handwerk blicken und sich auch selbst an der Kurbel üben, was besonders die Kleinen gern taten. Doch kaum war das Seil geschlagen, lockte mit den frohgemut zwischen den Häusern und Scheunen ihre Lieder blasenden Jägern der nächste Glanzpunkt auch in optischer Hinsicht: ihre prächtigen Uniformen erinnerten an die Herrlichkeit längst vergangener Tage.

Dennoch musste man aufpassen: Neben den ehrbaren und tüchtigen Handwerkern trieben sich auf dem Gelände auch Bettler und Schmuggler herum, die sich vor den wachen Augen der an diversen Stellen Ausschau haltenden fränkischen Infanterie versteckten. So manches Gefecht wurde auf diese Weise ausgetragen und rundete ein für die ganze Familie interessantes und von hervorragendem Wetter verwöhntes Wochenende ab: Die Symbiose aus sehen, erleben und anfassen war "Geschichte zum Anfassen" fernab von Büchern und Schaubildern. ad

© Fränkische Nachrichten

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