Vermittlungsinstanz für ländliches Leben

Im Museum gab es im Juli 2016 eine Zäsur: Thomas Naumann ging nach über 30 Jahren Engagement für das Museum in den Ruhstand. Seine Nachfolgerin ist Margareta Sauer. Nach ihrer ersten fast kompletten Saison gab sie einen Einblick in ihre Erfahrungen und warf einen Blick in die Zukunft.

Frau Sauer, im Rückblick: Wie war die erste fast komplette Saison als Leiterin des Museums?

Margareta Sauer: Nun, ich würde es turbulent nennen. Nach nur wenigen Tagen stand bereits fest, wie vielseitig die Aufgabenfelder sind. Neben inhaltlichen Belangen gibt es eine Fülle von lebenspraktischen Fragestellungen, die von der "einfachen" Veranstaltungsorganisation über gastronomische Fragestellungen bis zur Tierhaltung und der Geländepflege reichen.

Stillstand ist Rückschritt, um attraktiv zu bleiben, muss man den Besuchern etwas Neues zu bieten - welche Investitionen stehen in dieser Saison auf dem Plan?

Sauer: Das Haupthaus der Baugruppe Bauland, ein Wohnstallhaus aus Bofsheim aus dem Jahr 1777 kann, dank einer großzügigen Spende der Sparkassen-Stiftung und durch eine Förderung aus Landesmitteln für die sieben Freilandmuseen in Baden-Württemberg, in diesem Jahr fertiggestellt werden. Vor zwei Jahren wurde das Erdgeschoss eröffnet, nun sind wir in der Lage das Dachgeschoss des Gebäudes auszubauen und damit das Projekt abzuschließen. Das Haus ist ein wirkliches Kleinod des Museums, es handelt sich um ein Rauchhaus, das heißt, es gibt noch keinen geschlossenen Kamin und der Rauch von der Feuerstelle des Küchenherdes entweicht durch den offenen Schlot. Jahrhundertelang war diese Art zu Kochen und Wirtschaften normal. Für uns heute in Zeiten von Niedrigenergiehäusern undenkbar. Weiter bauliche Investitionen sind nicht vorgesehen. Der knappen Finanzrahmen des Museums lässt dies leider nicht zu. Dennoch investieren wir, und zwar in eine Hausmeisterstelle. Die Stadt Walldürn hat sich dankenswerterweise bereiterklärt, die Mittel für diese Position zur Verfügung zu stellen. Wir hoffen, dass wir dadurch die Unterhaltung der Häuser besser gewährleisten können.

Träumen sie davon, ein neues Haus im Museum zu eröffnen?

Sauer: Absolut! Wenn ich diesen Traum nicht träumte, dann wäre ich vermutlich nicht die richtige Person für den Job.

Der Unterhalt und die Sanierung der Häuser bindet finanzielle Mittel und wird eine immer wichtigere und umfangreichere Aufgabe. Etwa beim Haus Bär, einem der Besuchermagneten. Würden Sie sich hier eine höhere Förderung des Landes wünschen?

Sauer: Ja, natürlich. Gerade der Unterhalt der Gebäude ist langfristig in einem Museum, das Häuser ausstellt, natürlich enorm. Die Häuser waren ja schon beim Aufbau im Museum in die Jahre gekommen und sind nun - wie jedes andere Anwesen auch - Wind und Wetter ausgesetzt. Da muss natürlich immer wieder investiert werden, um dem Bewahrungsauftrag eines Museums für seine Objekte gerecht zu werden. Eine höhere Bezuschussung in einem insgesamt größeren Fördertopf wäre da natürlich wünschenswert. Insbesondere wenn man sich vor Augen führt, dass die sieben baden-württembergischen Freilandmuseen insgesamt mehr als 600 000 Besucher jährlich in ihre Museen locken. Dies entspricht in etwa vier Prozent der Kulturmuseumsbesucher im Land. Die Fördersumme, die das Land den sieben Freilandmuseen insgesamt zur Verfügung stellt, entspricht leider bei weitem nicht dem Besucheraufkommen. Da wäre es folgerichtig, die Fördersumme für die sieben Freilandmuseen entsprechend ihres Anteils am Besucheraufkommen anzupassen. Anders herum betrachtet wird hier eindrücklich bewusst, was die Träger der Museen, in der Regel die Landkreise und in unserem besonderen Fall vor allem die Stadt Walldürn, für den Erhalt der ländlichen Kultur in den Museen leisten! Man hat sich vor über 30 Jahren bewusst gegen die Einrichtung eines zentralen Landes-Freilandmuseums für das gesamte Land Baden-Württemberg entschieden und stattdessen eine dezentrale Lösung mit sieben regionalen Freilichtmuseen gewählt. In gewisser Weise übernehmen die Träger und Förderer der Freilandmuseen wie die Stadt Walldürn und die Landkreise damit freiwillig Landesaufgaben. Wenn man sich einmal vor Augen führt was die "Sieben im Süden" im Bereich der Kulturvermittlung beispielsweise für junge Familien und heranwachsende Jugendliche leisten, dann bleibt zu hoffen, dass den Freilichtmuseen bei der Verteilung der Landeskulturmittel, auch zukünftig ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Was kann ein Freilandmuseum heutigen Menschen aus der vermeintlich guten alten Zeit vermitteln?

Sauer: In kaum einem Dorf gibt es mehr Tierhaltung. Wir produzieren immer weniger Dinge des täglichen Bedarfs wie Nahrung oder Kleidung selbst: Die Frühstücksmilch kommt aus dem Tetrapak, der Kuchen vielleicht noch aus dem Thermomix, die Äpfel im Einheitslook kommen aus Übersee und die Bratwurst in der Plastikfolie kommt im schlimmsten Fall aus der Kühltruhe im Discounter. Gleichzeitig verdirbt vielleicht vor der Haustüre das heimische Obst. Wir können heutzutage ein vollkommen von der Natur abgeschnittenes Leben leben, ohne einen geringsten Bezug zur Herkunft unsere Nahrungsmittel zu haben. Nicht von ungefähr gibt es Seminare zur Umweltbildung, zur Sensibilisierung für verantwortungsbewussten Konsum und nachhaltiges Wirtschaften. Ich denke gerade in diesem Bereich werden die Stärke und das Potenzial der Freilandmuseen als Vermittlungsinstanz für ländliches Leben, Wohnen und Wirtschaften deutlich. Dies soll nicht heißen, dass früher alles besser war. Aber die Gebäude und Häuser mit den Einrichtungen, den Tieren und Gärten in den Museen stellen einen Ansatz dar, sich mit dem eigenen Konsumverhalten kritisch auseinanderzusetzen. Gerade für Kinder ist dies spielerisch möglich. Sie sind in der Regel sehr aufgeschlossen und saugen das Erlebte in sich auf.

Der Eingangsbereich ist die Visitenkarte eines Museums. Ein erster Anlauf für ein repräsentatives Eingangsgebäude ist gescheitert. Ist mit einer Realisierung in den nächsten Jahren zu rechnen?

Sauer: Das ist eine sehr schwierige Frage. Natürlich wäre es wünschenswert, aber bei der derzeitigen finanziellen Lage des Museums wird vorerst nicht daran zu denken sein. So gerne ich Ihnen eine Zahl nennen würde, ich sehe mich nicht in der Lage, dies zu tun. Fakt ist, dass die Stadt Walldürn nach wie vor der Hauptfinanzier des Odenwälder Freilandmuseums ist und die Stadt viele Aufgaben bei begrenzten finanziellen Mitteln erfüllen muss. Anders geantwortet: Für noch dringender als ein Eingangsgebäude halte ich derzeit die Errichtung einer "Versorgungsstation" mit WC-Anlage, Frisch- und Abwasser an der Dreschhalle. Denn ohne diese Infrastruktur wird es langfristig vermutlich unmöglich werden, Groß-Veranstaltungen in der bisherigen Form im Odenwälder Freilandmuseum durchzuführen. Die Ansprüche der Museumsbesucher steigen, unsere Infrastruktur verbessert sich nicht. Das kann dauerhaft nicht funktionieren. Die Kosten für eine Versorgungsstation sind im Vergleich niedriger und es würden viele Probleme, an denen das Museum derzeit krankt, gelindert werden können. Langfristig wird aber vermutlich kein Weg an einer anderen Eingangslösung vorbei gehen.

Der Besuch von Schulkassen ist zurückgegangen und hat in der vergangenen Saison einen Tiefststand erreicht. In der Winterpause wollte man sich Gedanken über neue Konzepte machen, hieß es bei der Mitgliederversammlung des Fördervereins. Wie kann man junge Menschen für das Museum begeistern?

Sauer: Zum einen intensivieren wir unser Marketing. Zum anderen versuchen wir verstärkt, lehrplanorientierte Programme zu erarbeiten, um für Schulklassen attraktiver zu werden. Darüber hinaus versuchen wir mehr aktive Elemente, bei denen die jungen Besucher selbst Hand anlegen dürfen, in unsere Programme einzubauen, um so das Lernen zu einem Erlebnis werden zu lassen. Wir haben bereits einige neue Angebote in das museumspädagogische Programm, wie zum Beispiel ein Streuobstwiesen-Angebot, aufgenommen und sind dabei, weitere Angebote zu entwickeln. Leider geht dies alles nicht so schnell, wie ich mir das wünsche. Wir müssen für verschiedene Angebote Testläufe durchführen, die wir für die Ferienzeiten planen. Und mehr Angebot bedeutet zunächst einmal auch mehr Aufwand und mehr Personalkosten, diese müssen wir angesichts der knappen Kassen des Museums leider immer im Auge behalten. Daher ist der Plan zwar langsam, aber dafür stetig qualitativ an dem Programm zu arbeiten.


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