Armen- und Gemeindehaus aus Reichartshausen
Landkreis Miltenberg


:: Erbaut: 1876     :: Wiederaufbau: 1986-1987     :: Eröffnet: 1990


Das im Originalbauplan als "Armen- und Hirtenhaus" bezeichnete Gebäude ist ein bemerkenswertes Zeugnis der ländlichen Sozialgeschichte im Odenwald.

Im Jahr  1876 wurde das zweigeschossige Gemeindegebäude aus dem für den östlichen Odenwald landschaftstypischen Buntsandstein in massiver Bauweise errichtet; der Steinbau kam hier allgemein zu dieser Zeit auf; das Baumaterial lieferten örtliche Steinbrüche. Im Laufe seiner Geschichte erfüllte das Gebäude zentrale Aufgaben im gemeindlichen Fürsorge- und Ordnungswesen als Armen- und Hebammenunterkunft, Feuerwehrgerätehaus und Gefängnis.

Armen- und GemeindehausAus den Originalplänen geht hervor, dass das Erdgeschoss Wohn- und Wirtschaftsfunktionen gleichermaßen erfüllte. Flur und Küche trennen diese beiden Bereiche voneinander. Im Raum für Feuerlöschgerätschaften neben dem Eingang steht jetzt die Feuerspritze aus Gottersdorf von 1899. Dahinter schließt sich eine Stallung mit separater Futterkammer an. Rechts vom Flur und im gesamten Obergeschoss sind die Wohnräume untergebracht. Der an die Küche angebaute Backofen stammt aus dem Jahr 1937. Er hat wahrscheinlich einen älteren Vorgänger ersetzt.

Die Bewohnerstruktur war vielschichtig: Dorfhirten, wie ursprünglich beabsichtigt,  lassen sich als Bewohner nicht nachweisen. Doch ist belegt, dass der Armenpflegschaftsrat der Gemeinde bis 1945 Besitz- und Mittellose in das Haus einwies. Auch die Reichartshausener Hebamme hatte hier bis 1925 ihre Dienstwohnung. In beiden Weltkriegen waren französische, polnische und russische Kriegsgefangene in einem Raum im Obergeschoss interniert. Unter dem Dach lebte mehrere Jahrzehnte ein verarmter Dorfschuster mit seiner Familie. Werkstatt und Wohnung sind wieder eingerichtet; ein Sohn gab hierzu Auskunft.

Armen- und GemeindehausDie für heutige Verhältnisse sehr bescheiden anmutenden hygienischen Einrichtungen entsprachen durchaus dem damaligen Wohnstandard auf dem Land. Zunächst war auch kein Abort im Haus geplant, sondern lediglich das damals übliche "Häuschen" im Hof. Jedoch schon während der Bauzeit wurde auf "modern" umgestellt und die Verlagerung des Aborts in das Haus vorgenommen.

Im Museum werden die Wohnverhältnisse der Bewohner in der Zeit zwischen 1876 und 1945 gezeigt.

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