Großbauernhaus Schüßler in Gottersdorf
Neckar-Odenwald-Kreis


:: Erbaut: um 1725     :: Restauriert: 1984-1986     :: Eröffnet: 1987


Der ungefähr zweihundert Meter außerhalb des Museumsgeländes im Ort Gottersdorf gelegene Hof der Familie Schüßler vermittelt eindrucksvoll großbäuerliches Wohnen und Leben zwischen 1780 und 1960. Zwei Gebäude des ehemals bedeutenden Anwesens konnten an Ort und Stelle erhalten und in die Konzeption des Odenwälder Freilandmuseums einbezogen werden. Das Wohnhaus gehört (neben der Stallscheune), zum Odenwälder Freilandmuseum und dokumentiert die gehobene Wohnkultur begüterter Landwirte. Zudem ist es ein Beispiel für eine in dieser Form nur selten mögliche Außen- und Innenrestaurierung an Ort und Stelle. Jeder Raum in diesem Haus stellt eine andere Wohnphase dar, die aufgrund umfangreicher Untersuchungen am Bau jeweils genau belegt werden konnte.

Großbauernhaus SchüßlerDie Baugeschichte des Anwesens lässt sich in zwei Hauptphasen unterteilen: Um 1725 wurde das Wohnhaus als gestelztes Wohnstallhaus erbaut. Im Erdgeschoss waren zunächst die Stallungen und die Unterkünfte für das Gesinde untergebracht, während im Obergeschoss der Hofbauer mit seiner Familie wohnte. Zwischen 1832 und 1850, im Verlauf der Erweiterung des Anwesens, wurde das Haus um fast die Hälfte vergrößert und die Stallnutzung im Erdgeschoss aufgegeben. Zwei 1826 und 1832 neu errichtete Stallscheunen bildeten fortan mit dem Wohnhaus und bisherigen Nebengebäuden einen Haufenhof. Lange Zeit gehörte der stattliche Gebäudekomplex zu den bedeutendsten Höfen von Gottersdorf. Im 19. Jh. wurde in einem Teil des Wohnhausoberge­schosses und einem heute nicht mehr vorhandenen Anbau auch die Dorfschänke "Zum Stern" betrieben.

Der Vermögensstand der Besitzer des 19. Jahrhunderts schlägt sich für uns besonders augenfällig in der aufwändigen Gestaltung der Wohnräume nieder. Die obere Stube mit ihren anspruchsvollen Wanddekorationen und ihrer stuckierten Decke, insbesondere aber der kleine Raum im Obergeschoss mit den religiösen Wand­malereien, machen diesen Aspekt besonders deutlich. Die überlieferten Nachlassurkunden jener Zeit bezeugen ebenfalls die begüterte Ausstattung des Hofes. Aus dem späten 19. Jahrhundert ist ein Rechnungsbuch überlie­fert, das Aufzeichnungen enthält, die eine äußerst geschickte, flexible Landwirtschaft sowie intensive Geschäfte und Handel, gelegentlich bis in den Frankfurter Raum, offenbaren. Darin unterschied sich in jener Zeit der - selten anzutreffende - Großbauer von der Masse der sich nur selbst versorgenden Kleinbauern.

Bis nach dem 2. Weltkrieg änderte sich wenig an der Situation des Anwesens. Eine letzte größere Instand­setzung des Wohnhauses fand im Jahr 1950 statt. Da­mals wurden Teile der straßenseitigen Fassade erneuert. Zu Beginn der 1970er Jahre stellte die Familie Schüßler den landwirtschaftlichen Betrieb ein und gab das An­wesen auf. Ein einschneidender baulicher Eingriff in die Hofanlage geschah 1975: Damals wurden in Unkenntnis der kultur- und bauhistorischen Bedeutung der Anlage verschiedene Anbauten und alle Nebenbauten bis auf die dicht an das Haus angrenzende Stallscheune von 1832 eingerissen. In letzter Minute konnte der Abbruch des ganzen Anwesens verhindert werden. Der neue Besitzer, die Stadt Walldürn, bemühte sich zusammen mit dem Museum um den Fortbestand des Hofes.

Gerade auch die Innenraumgestaltung des Wohnhauses führt eindringlich vor Augen, welche kulturellen Werte bei seiner Zerstörung vernichtet worden wären.

Im Speicher des Hauses befindet sich die Dauer-Sonderausstellung "Hölzerne Hausbaumaterialien als Träger von Zeichen und Mitteilungen“

 

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