Schäferhaus aus Gerolzahn
Neckar-Odenwald-Kreis


:: Erbaut: um 1870     :: Wiederaufbau: 1988-1989     :: Eröffnet: 1994


SchäferhausDas Gerolzahner "Schäferhaus" ist unter der Kategorie der von Hirten bewohnten Häuser eine Besonderheit. Gemeindehirten, zu denen auch der Schäfer gehörte, wohnten im allgemeinen in eigens von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Wohnräumen, entweder im Gemeindehaus (oft auch "Armen- und Hirtenhaus" genannt) oder in einem besonderen kleinen Häuschen. Ein solches Hirtenhäuschen gab es früher in sehr vielen Gemeinden des Odenwalds, was auf eine große Bedeutung des Hirtenberufs und seine öffentliche Aufgabe in der Vergangenheit schließen lässt. Hierbei muss man sich in Erinnerung rufen, dass in früheren Jahrhunderten und bei manchen Tierarten noch bis in die 1950er Jahre neben der uns heute bekannten Hut von Schafen auch der Weidebetrieb von Kühen, Rindern, Schweinen, Ziegen und Gänsen als eine Gemeinschaftsaufgabe des Dorfes wahrzunehmen war. So gab es Schweine-, Kuh-, Ziegen­ und Gänsehirten und -hirtinnen, oder eben Schafhirten oder Schäfer, die in Diensten der Gemeinde standen und dafür unter anderem Wohnrecht im Hirtenhaus erhielten.

SchäferhausDas Schäferhaus aus Gerolzahn aber ist nicht als Hirtenhaus von der Gemeinde errichtet worden, sondern hat sich erst später dazu entwickelt. Es war immer in Privatbesitz. Erbaut wurde es als eingeschossiges Haus im Jahr 1870 von einem Tagelöhner. Der Ursprung des Hauses ist allein archivalisch zu klären: Die naturwissenschaftliche Jahresringanalyse des Holzes führte hingegen zu keinem Ergebnis: Viele Balken stammten aus abgerissenen Gebäuden. Die Baukosten sollten offensichtlich möglichst niedrig gehalten werden - ein deutliches Zeichen für die ökonomische Schwäche des Bauherrn. Dass wenig Geld vorhanden war, wird auch am bloßen Stampflehmboden deutlich, der zur Bauzeit des Hauses im Wohnbereich ausreichen musste. Den Kredit, den der Tagelöhner trotz Ausnutzung aller Verbilligungsmöglichkeiten für den Hausbau aufnehmen musste, konnte er nicht mehr zurückzahlen. Das Haus fiel daraufhin an den Kreditgeber und gelangte schließlich im Jahre 1905 in das Eigentum von Barbara Katharina Schäfer. Als nacheinander zwei Schafhirten, August Streun und nach ihm Heinrich Schmieg einheirateten, bürgerte sich im Dorf allmählich die Bezeichnung "Schäferhaus" für das Gebäude ein. 1907 hatte August Streun das Dach zu Wohnzwecken ausgebaut. Der Backofen, der von der hinteren Treppe aus beschickbar ist, stammt aus derselben Zeit.

SchäferhausIm Museum zeigt das Gerolzahner Schäferhaus familiengeschichtlich und vom Hauszustand her die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Damals bewohnte der schon erwähnte Schäfer Heinrich Schmieg das Haus mit seiner Familie. Familien- und bewohnergeschichtlich besonders interessant sind auch Schmiegs Stieftochter Babette Streun, die als Hausiererin über die Dörfer der Walldürner Höhe zog sowie das Schicksal eines in dieser Zeit im Haus lebenden norddeutschen Jungen, der im Rahmen der nationalsozialistischen "Kinderlandverschickung" dem Schäfer Schmieg zugewiesen war. Herausgerissen aus seiner norddeutschen Heimat, wurden ihm die fremden Lebensumstände in Gerolzahn und im Hause Schmieg zu prägenden Kindheitserlebnissen.

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