Tagelöhnerhäuschen aus Oberwittstadt
Neckar-Odenwald-Kreis


:: Erbaut: 1564 und 1777     :: Wiederaufbau: 1997-1998     :: Eröffnet: 1999


 

Das Oberwittstädter Tagelöhnerhäuschen ist das bisher älteste ländliche Baudokument des gesamten Einzugsgebiets des Odenwälder Freilandmuseums. Es gehört auch zu den ältesten Gebäuden mit Originalsubstanz aus der Erbauungszeit, die in einem deutschen Freilandmuseum ländlicher Kultur stehen.

1564 entstand das Ursprungshaus als "klassisches" Tagelöhnerhäuschen mit dreizoniger Gliederung: mit dem vorderen Wohnbereich, der mittleren Erschließungszone mit Flurküche und hinten Kleinviehstallungen.

Die bautechnischen Untersuchungen ergaben, dass 1777 ein Brand, wahrscheinlich von der Küche ausgehend, die hintere Haushälfte zerstört haben muss. Denn in diesem Jahr wird die hintere Haushälfte (ab Flurküche) durch ein kompaktes, adäquates Hausteil von 1539 ergänzt. Hierdurch ersparte sich der Eigentümer Kauf und Abzimmern neuer Hölzer. Die beiden Haushälften stehen nun in völlig ungewöhnlicher Weise ohne Gesamtverbund hintereinander.

Im Dachstuhl findet man neben der neuzeitlichen Verzapfungstechnik (ab 1600) im älteren Bereich noch die mittelalterliche Überblattungstechnik der Aussteifungshölzer vor. Ein Teil des Dachraums ist daher ausgeleuchtet und von unten einsehbar.

Tagelöhnerhäuschen OberwittstadtDas kleine Gebäude wurde in ganzen Wänden versetzt, zum größten Teil auch das altartige Bruchsteinmauerwerk. Die Besonderheit und die Wertigkeit der Bausubstanz steht bei der Museumspräsentation im Vordergrund, daher wurde das Gebäude auch nicht mit Mobiliar versehen oder komplett auf einen bestimmten Zeitschnitt hin renoviert. Der jetzt zu besichtigende innere Zustand unterscheidet sich jedoch kaum von der Wohnrealität der vergangenen Jahrhunderte.

Bewohnergeschichtlich sind Fakten erst aus dem 19. Jahrhundert bekannt. 1813 und 1816 musste der Landwirt und Hafner Aloys Bauer in Etappen Haus und Hof verkaufen (ein Gebäude ähnlich dem hier im Museum benachbarten Bofsheimer Haus) und mit Frau und einem Kind in das Taglöhnerhäuschen ziehen.

Der soziale Abstieg des Aloys Bauer geschah in einer Zeit der Missernten und Hungersnöte im 2.Jahrhzehnt des 19.Jahrhunderts. Sicherlich war Verschuldung, auch durch die bestehenden Abgabelasten an verschiedene Herrschaften, die Ursache.

Von 1829-1841 lebte Aloys Bauer, nachdem seine Frau verstorben war, alleine in diesem am Ortsrand von Schillingstadt stehenden Häuschen. In dieser Zeit hat sich der Hausname "Aloysenhäusel" herausgebildet. Sogar als das Gebäude schon 100 Jahre nicht mehr bewohnt war, war dieser Hausname noch 1988 im Gedächtnis des ältesten Dorfbewohners präsent.

Ein Enkel des Aloys Bauer, Joseph Bauer, verließ das Dorf in den 1880er Jahren und wanderte wahrscheinlich in die Vereinigten Staaten von Nordamerika aus, wie viele in jener Zeit, um dem sozialen Elend in Nordbaden zu entkommen.

Fortan wurde das Taglöhnerhäuschen nur noch als Schuppen und Hühnerstall genutzt.

Das "Aloysenhäusel" stellt heute (ähnlich wie das jüngere Walldürner Taglöhnerhäuschen, Baugruppe Odenwald 5) ein weit und breit einmaliges soziales und bauliches Dokument eines Haustyps dar, in dem beispielsweise im 17. und 18. Jahrhundert noch über die Hälfte der Odenwälder Bevölkerung leben musste.

 

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